Hallo Alex,
Danke für Deine Antwort und dass Du so aufgeschlossen schilderst wie Du damit umgehst. Ich kann das nun noch besser nachvollziehen. Der eine geht so um damit und der andere so. Manchmal wechselt es auch bei ein und derselben Person. Bei meinem Freund zeigt sich auch, dass er nicht weinen kann. Er will doch den Starken spielen.
Mir ist ganz klar, dass er auf jeden Fall auch jemand Starken an seiner Seite braucht. Mich halten immer alle für stark, aber ich bin es nicht. Oft genug breche ich ein, denn auch für Angehörige ist es eine Herausforderung - und das Thema heißt Verlustangst.
Ja, ich habe Angst davor ihn zu verlieren. Sonst wäre ja auch irgendwas auf Gefühlswegen nicht in Ordnung... Aber ich muss so aufpassen, dass ich ihn damit nicht belaste. Wir reden zwar immer mal darüber, aber es bringt ihn auf die Palme - schon allein wenn ich nichts sage und einfach betroffen und nachdenklich bin im ersten Moment wenn was Beunruhigendes ist (jetzt hat er z. B. Blutdruckprobleme, Einblutungen am Auge, Schmerzen unterm Brustbein... ) Er erwartet anscheinend, dass ich fröhlich und gelassen ein anderes Thema anfange...? Denn Fragen stellen darf ich dann auch auf keinen Fall, das regt ihn nur auf.
Stellt Dir jemand Fragen? Dann wenn es Dir mal nicht gut geht?
Wenn ja, empfindest Du das als belästigend oder gar belastend, antworten zu müssen auf Befindensfragen und die einfache Frage "Willst du zum Arzt gehen oder ins Krankenhaus?"
Ich mache mir schon Sorgen um ihn und er denkt, ich müsse doch klar kommen damit.
Er KANN aber nicht mein Trauma nachvollziehen - dass ich ihn so lange von außen so kaputt und im Koma erlebt habe und lange Zeit danach noch heulen musste wenn ich ihn nur liegend oder schlafend gesehen habe. Inzwischen habe ich an diesen Bildern gearbeitet und diesen Ballast weniger, doch es ist eben jeden Tag eine neue Herausforderung, sich auf diese Art Zusammenleben einzulassen.
Ich würde ihn deswegen nie verlassen, und das weiß und spürt er. Ich bin wie ein treuer Hund.
Aber um ihm eine Stütze zu sein und seine wiedergewonnene Lebenszeit so angenehm wie möglich mit ihm zu gestalten - denn es ist ja auch meine eigene Lebenszeit - muss ich jeden Morgen von vorn anfangen. Und er sowieso, das ist mir klar.
Mir ist auch bewusst, dass ein schwer kranker Mensch noch viele Jahre vor sich haben kann. Andersrum kann ein gesundes Menschenleben plötzlich ein Ende haben. JEDER muss sich damit auseinandersetzen. Es wird nur tabuisiert, weil wir in dieser Gesellschaft so tun als würden wir ewig leben und als käme es nhr auf das Funktionieren an.
Jemand aus einem buddhistischen Kulturkreis sagte mir einmal letztes Jahr:
"Du hast jetzt schon diese Lernaufgabe, die die meisten anderen Frauen erst am Ende ihres Lebens bewältigen müssen: den Partner begleiten in Krankheit und bis zum letzten Tag. Du erlebst das alles in deinen jungen Jahren und sehr bewusst. Das ist eine Art Privileg, so kannst du es nutzen. Du kannst dadurch stark werden und vielleicht anderen, die auch in so einer Situation sind und sich hilflos fühlen, Kraft geben."
Ich habe viel nachgedacht darüber. Erst dachte ich "na toll."
Aber dann begriff ich immer mehr, dass der Mann Recht hat, auch wenn man das mal weiter betrachtet und allgemein bezieht auf alle, sowohl Kranke als auch Angehörige:
Es kann tatsächlich ein Privileg sein, in dieser Bewusstheit zu leben. Das Leben ist nunmal endlich. Das gilt für ALLE.
Schwierig ist nur, mit diesem Bewusstsein in einer Gesellschaft zu leben, wo Kranksein immer ein Defizit ist. Wir kennen es nicht anders, sind so geprägt.
Gestern sagte mir nochmal eine liebe Person, es sei doch das Wichtigste, dass mein Freund wieder lebt.
Das wusch mit einer Klarheit durch mein Hirn alle Zweifel und alles Lamentieren weg... Sie hat Recht, die gute Frau. Ja, es ist das Wichtigste, dass er lebt.
Klopf klopf - macht es da vom Hinterstübchen her und ruft: ja, aber was ist dann das Wichtigste wenn das nicht mehr so ist?
- Halt die Klappe! Jeder Tag ist schließlich anders.
Kannst Du mit irgendwem darüber sprechen, was DIR Angst macht? Ich vermute mal, in Deiner Familie eher nicht, oder doch?
Mein Freund hat in diesem Leben ganz klar umrissene Ziele, die er noch schaffen will. Mein Haus fertig renovieren. Das ist seine Mission. Ja, auch er will da wohnen... Aber soweit zu denken, dazu muss ich ihn immer wieder erst mal ermutigen.
Ich glaube, er hat mehr Angst davor, mir oder anderen wieder Unannehmlichkeiten zu bereiten und selbst zu leiden als davor, aus dem Leben zu treten. Dazu hätte er sich lieber von sich aus entschlossen, wenn ich nicht wäre, sagt er. Kann ich bei seinem Leidensweg verstehen. Er musste ja alles neu lernen, mühsam, sogar das Atmen.
Liebe Grüße