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Lebenseinstellung - NinaS - 08-09-2017

Hallo Leute,

Ich wünsche mir euren Rat, denn ihr kennt das Thema bestimmt auch gut:

Wie geht man damit um, wenn man weiß, dass man eine lebensbedrohliche Erkrankung hat?
Ich halte es kaum noch aus mit meinem Lebensgefährten, der mit einer reparierten Aorta wieder auf die Beine gekommen ist nach langen Komplikationen und immer noch Herzprobleme hat.
Er ist zwar dankbar für seine zweite Chance zu leben und dass er durch unser Zusammensein eine Perspektive hat, aber er nutzt sie nicht. Stattdessen zieht er sich immer mehr zurück, ist (verständlicherweise wegen vieler lästiger Beschwerden) oft grantig und lustlos. Gefühle schließt er völlig ein - emotional ist da eine einzige Mauer und auch ich ziehe mich zurück, weil es nur noch weh tut immer gegen diese Mauer zu prallen. Er kann nichts zulassen. Manchmal kriegt er Wutanfälle.
Er wäre gerne gesünder aber schafft es nunmal nicht. Das ist schwer, ich weiß.
Ich weiß aber nicht mehr wie ich damit umgehen soll. Meistens gehe ich einfach wenn es zu schlimm wird.
Den Mann zu nem Therapeuten zu schicken bringt nix - er ist selbst einer und er will alles mit sich selber ausmachen.
Ich leide mit. Wie kann ich ihm am hilfreichsten begegnen?
Wir wollen nächstes Jahr zusammenziehen in unser Haus. Aber wie soll ich das aushalten??
Er redet so als müsse man schon den Sarg bereithalten. Sicher, man muss den Tatsachen ins Auge sehen. Aber wir kommen doch alle nicht lebendig hier raus. Egal ob krank oder gesund. Es kann ja aber auch sein, dass er noch viele Jahre lebt!
Und ich finde, darauf sollte man sich AUCH einstellen.
Er hat keine Ahnung was er anrichtet wenn er seine Sterbegefahr imme wieder ankündigt. Gestern sagte ihm eine Freundin mal ihre Meinung, denn auch sie konnte das Gerede nicht mehr ertragen. Er ist wütend weggerannt und fand das eine Anmaßung von der Freundin. Ich fand ihren Mut gut.
Andere sagen, ich muss ihm Zeit geben.

Was mach ich in der Zeit wenn wir zusammen sind? Stopfen in die Ohren??
Mich zieht das so runter. Und ich frage mich: Was hat das für nen Zweck wenn mein Freund ständig sagt "orgen kann ich tot sein"???


- Wolle - 08-09-2017

Das Leben ist lebensbedrohlich.
NinaS,'index.php?page=Thread&postID=31604#post31604' schrieb:Mich zieht das so runter. Und ich frage mich: Was hat das für nen Zweck wenn mein Freund ständig sagt "Morgen kann ich tot sein"???
Sag' einfach: "Ich auch. Vielleicht komme ich ja morgen schon unter einen Laster oder werde vom Blitz erschlagen."

Er soll mal aufhören, vor Selbstmitleid zu zerfließen und sich einen Therapeuten oder Therapeutin suchen. Er kann sich nicht an den eigenen Haaren aus dem Sumpf ziehen.
Und du solltest dir auch nicht alles gefallen lassen. Mache ihm klar, dass er dich damit fertig macht und es so nicht weiter geht.


- NinaS - 08-09-2017

Danke Wolle, das wollte ich hören Wink
Im Ernst: So gehts nicht weiter. Ich sag ihm das schon ständig, dass es jeden jederzeit treffen kann. Seine Mutter hatte auch sowas, aber sie ist dann an was anderem gestorben... Soviel dazu.

Da hab ich ja noch n dickes Stück Arbeit vor mir.
Er nimmt mich in diesem Punkt nicht wirklich ernst und münzt meine Rede als Gedankenstrom einer beleidigten Leberwurst. Zum Glück aber sagen ihm jetzt mal auch andere Freunde ihm die Meinung und wünschen sich für ihn einen würdigen Neuanfang. Er hält sie alle für Besserwisser.

Also heute mittag werde ich nochmal offen reden.
Vielleicht hat er ja auch Angst vorm Zusammenleben im Haus. Denn mit sowas hat er auch schwierige Erfahrungen gemacht. Bewusst sagt er zwar, mit mir will er sich drauf einlassen, und er weiß, dass das auch "Familienleben" bedeutet, denn ich habe ein Kind.
Unbewusst sträubt er sich vielleicht doch dagegen?
Manchmal wünschte ich, man könnte in Gedanken reingucken...


- Wolle - 08-10-2017

Noch etwas:
NinaS,'index.php?page=Thread&postID=31604#post31604' schrieb:Wie geht man damit um, wenn man weiß, dass man eine lebensbedrohliche Erkrankung hat?
Wie "Man" damit umgeht, weiß ich nicht, ich kann nur sagen, wie ich ich damit umgegangen bin: Arschbacken zusammenkneifen und kämpfen.


- NinaS - 08-10-2017

Die guten alten Arschbacken, da sagste was. Wink

Also mittlerweile vermute ich, dass jemand, der so seine Situation betont, kein Mitleid will, sondern sich bewusst mitteilen will: "hey Leute, begreift doch mal, es ist nicht selbstverständlich, dass ich noch hier bin!" und sich möglicherweise davor schützen will, dass man Forderungen an ihn stellt oder sonstwie mit ihm rechnet.
Eigentlich ist er gewissenhaft, aber es macht ihn mürbe, dass er zur Zeit bei weitem nicht alles ausführen kann was er sich vorhenommen hat.

Zu nem Therapeuten krieg ich ihn nicht bewegt. Aber bzw. gerade deswegen muss ich für mich klar sein was ich aushalten kann.
Wenns mir zu viel wird, geh ich raus. Ich komme dann wieder irgendwann, aber manche Situationen muss ich mir echt nicht mehr antun.
Das hilft zumindest mir. Und manchmal kommt er dann sogar auf mich zu und will sein "Glück" dann doch umarmen Wink

Menschen reagieren total unterschiedlich. Mein Vater lag schon paar mal im Sterben, ist dann aber doch wieder auferstanden. In diesen heiklen Stunden wirkte er mutiger als sonst. Kaum geht es ihm besser, ist das Leben selbstverständlich. Fängt er dann wieder an mit Beschwerden, ist er erst mal wieder am Abgrund und mutlos. So geht das rauf und runter.
Bei meinem Freund ist es immerhin immer gleich miserabel.


Hut ab! - HELGE - 08-10-2017

Hallo Nina,


irgendwann wird er mitbekommen was du schon geleistet hast und weiterhin leistest.
Ich glaube das es ein bisschen dauert, bis einem klar ist, dass man wahnsinniges Glück hat einen Partner zu haben der in so einer Situation nicht wegläuft.
Sicher hat man Momente in denen man ungerecht ist, man muss sich dann aber entschuldigen können.

Ich ziehe jedenfalls den Hut vor dir, du bist deinem Freund eine tolle Partnerin .

Liebe grüße,
Helge


- NinaS - 08-10-2017

Danke Helge!

Es ist pardox: Er weiß das zu schätzen.
Aber anscheinend ist da, außer der Perspektive mit mir, nicht so viel intrinsiche Lebensfreude... Da er vorher schon solche Züge hatte, frag ich mich, ob er jemals wirkliche Lebensfreude hatte.

Entschuldigung und Danke sind Worte, die er nicht wirklich über die Lippen bringt. Auch nicht die berühmten 3 Worte. Ich spüre aber deutlich, dass er sie meint. Und dass er einfach nicht aus seiner Haut kann.

Zu seinem besten Freund hab ich mittlerweile guten Kontakt, meist telefonisch. Der staunt auch nicht schlecht über alles. Der kann auch nicht verstehen, dass mein Freund so mauert. Er sagt ihm immer wieder, was für ne "tolle Partnerin" er hat. Mein Freund fasst das dann allerdings so auf, als wolle sein Kumpel am liebsten die Freundinnen tauschen...
Oh Mann.

Schon seltsam alles. Wie kann man wirklich so wenig zulassen...!?!?
Ist er depressiv?


- Wolle - 08-11-2017

NinaS,'index.php?page=Thread&postID=31613#post31613' schrieb:Ist er depressiv?
Würde mich nicht wundern.


Zusammen und Gemeinsam - Herzlos - 08-11-2017

Hallo Nina.
Ich bin in einer ähnlichen Situation wie Du. Auch meine Frau ist schwer erkrankt und kann jederzeit versterben. Plötzlicher Herztod, Herzinfarkt oder Schlaganfall sind da einige mögliche Ursachen. Wir sind uns dessen beide bewusst. Trotzdem haben wir geheiratet und versuchen unser Leben so normal wie möglich zu leben. Anders, so finde ich, ist es nicht möglich. Allerdings muss sie die Gefahr nicht jederzeit ansprechen, sie ist mir bewusst. Sie will es aber auch nicht in den Vordergrund stellen, sondern ihr Leben leben. Und auch manchmal unvernünftig sein. Und ich trage es mit.
Es ist uns beiden bewusst, wir müssen die Situation akzeptieren, lassen uns dadurch aber die Lust am Leben nicht nehmen. Zusammen und gemeinsan.

Liebe Grüße und viel Kraft wünscht

Herzlos


- NinaS - 08-11-2017

Das finde ich bewundernswert wie ihr das lebt. Und das gönne ich euch!
Ich habe große Sehnsucht nach so einem normalen Leben.
Doch es will einfach nicht klappen. Das hat nicht alles mit der Krankheit zu tun.

Depressiv...
Wie sonst soll man jemanden auch nennen, der sein 2. Leben nur als Last und nicht als Geschenk ansehen kann. Das kam wortwörtlich so.
Die Verantwortung und das Funktionieren für unser Projekt ist das was ihn am leben hält, und unser Vertrauensverhältnis.

Mir macht das großes Unbehagen. Damit weiß ich nicht umzugehen.

Eben weil seine Einstellung so ist wie sie ist,"nützt" es uns nix, dass ich so ne "tolle Partnerin" bin. Ich hab schließlich so viele Defizite, dass es nicht leicht ist.
Von zeitweisem Abstandhalten hält er auch nichts.
Da frag ich mich: was kann ich dann noch tun, außer perfekt zu werden?
Es ist nichts gut genug. Das sagt er selbst. Uff. Aber im Alltag mit so jemandem klar kommen...
Und dann brüllt er immer so. Sehr blöde Situation für ihn, klar, denn alles was er bisher gerne tat, kann er wohl nie wieder...

Außenstehende denken immer: Ach, der wird bald wieder ganz der alte, warts ab, ihr habt doch jetzt das schlimmste überstanden, ihr seid doch bestimmt jetzt ganz froh und erholt.
Ja total. Sowas von.
Mittlerweile bin ich nur noch am flennen, weil mich das so runterzieht.